Der Aufschrei der sich gerade durch ein paar Blogs und Twitter zieht mit der Frage, ob Thalia versuche kleine Buchhandlungen systematisch zu zerstören (natürlich tun sie das, sie sind ein Buchkaufhaus, das ist ihr Geschäftsprinzip, Konzentration von Marktmacht ist ihr Business) – ist für mich nur bedingt nachzuvollziehen.
Natürlich ist scheisse, was Thalia macht, moralisch gesehen. Einem Verlag zu erklären dass seine Bücher libri non gratas sind, wenn er seine Buchhandlung nicht an den Branchenriesen abtreten will, ist heftig – aber … wie viele kleine Verlage schaffen es ohnehin nie zu Thalia oder Amazon oder nur mit rudimentären Stückzahlen? Und mal ganz offen gesagt: ein Kleinverlag braucht zwar jeden Umsatz den er finden kann, aber ein Buch-Fast-Food-Vertrieb wie Thalia ist da aber wohl ohnehin die falsche Schiene, es gilt sich neue Wege zu erschliessen – das nur am Rande.
Auf dem Lebensmittelmarkt ist die Verdrängung (und Erpressung der Lieferanten) längst gang und gäbe; je grösser der Konzern wird, umso mehr wird er eben dafür sorgen wollen dass die Leute nur bei ihm einkaufen – und damit den Preisdruck auf den Lieferanten anheben und den Kunden weiter schröpfen. Das mag nicht schön sein, aber das ist die viel berufene Marktwirtschaft. C’est la vie.
Amazon hat versucht Diogenes zu erpressen; ich kaufe trotzdem bekennend bei Amazon, nicht beim kleinen Buchhändler, jedenfalls im Normalfall, denn mein kleiner Buchhändler tut unterm Strich nichts andres als für mich eine Bestellannahme machen. Ich bin aber auch nicht der prototypische Kunde einer Präsenzbuchhandlung.
Tatsache ist, Thalia ist ein Buchsupermarkt und wird genau so geführt. Und bis auf wenige gut gepflegte Sortimente großer städtischer Filialen (in denen ich, ich gebe es zu, gern bummele) ist Thalia schlechter sortiert als der Buchhandel alter Schule. Bei Thalia finde ich die Top 1.000 Roman-Schnelldreher und die am besten beworbenen Geschenkartikel, im Zweifel auch noch das Buch was ein Verlag mit dem höchsten “Werbekostenzuschuss” an den Leser zu bringen gedenkt (von Übernahme von Renovierungskosten bis zu massiven Preisnachlässen auf den EK).
Gerade die massive Massenmarkt-Ausrichtung von Thalia ist es, die für meine Begriffe kleinen, wachen Buchhandlungen auch weiterhin Nischen erschliessen kann – gut sortiert auf Themen und Fachgebiete spezialisiert – ein schönes Beispiel ist hier Buchgourmet in Köln, oder die Hammett Krimibuchhandlung in Berlin-Kreuzberg. Den großen Barsortimenter können die kleinen ohnehin nicht schlagen was Masse angeht.
Ich kaufe keine Bücher bei Thalia – nicht, weil ich moralische Bedenken habe, sondern weil ich dort die Dinge die ich haben will, ohnehin nicht finde, und das wird mit dem Wachstum und der Selbstbeschneidung auf den Markt des Leichtverkäuflichen eher schlimmer werden. Das Fatale daran ist vor allem, dass auch bei den (grossen) Verlagen sich dann die Titelauswahl noch stärker als bislang schon an ebenjenen Titeln orientieren wird, die wegen grosser bekannter Namen quasi Selbstläufer sind. Das ist aber kein Problem, das der Erhalt kleiner Buchläden löst, sondern ein strukturelles – und hier denke ich wäre es auch an kleinen Verlagen, sich eben gezielt andere Vertriebswege zu erschliessen, mit Leseproben im Internet z.B., zielgruppenorientierter Ansprache…
Das System Thalia ist das System “bigger is better”. Wohin das führen kann, habe ich gerade beim Kanada-Urlaub gesehen. Die grossen Läden der grössten kanadischen Buchhandelkette, Indigo / Chapters, hatten das Flair eines Weltbild-Shops – ein extrem reduziertes Sortiment, vieles davon billig produzierte Wiederverwertungsauflagen, in Themen in denen ich mich auskenne eine auf massentaugliches stark beschränkte Auswahl (und das trotz gigantischer Ladenflächen von denen ein deutscher Händler nur träumen kann), kurz: wirklich armselig. Auf der anderen Seite: die asiatische Buchhandelskette Kinokunya hat eines der am besten gepflegten, eklektizistisch zusammengesetzten Sortimente die ich je gesehen habe – es geht also auch anders.
Womit ich auch zum Thema eBook-Reader zurück komme. Solange Reader weitestgehend an Sortimente(r) gebunden sind (das ist als würde mir IKEA vorschreiben welche Bücher ich in mein BILLY-Regal stellen darf), dienen sie nicht der Erweiterung des bibliophilen Horizonts, sondern dessen Einengung. Ich bin dagegen. Ich mache mir aber keine Illusionen darüber, dass die Mehrheit, die in (nicht nur deutschen) Grossbuchhandlungen einkauft, den Mangel weder wahrnimmt noch beklagen würde – warum auch. Sie kennen es nicht nur nicht besser, sie sind auch damit zufrieden. Und so lange sich das nicht ändert, ist es müssig, über Thalia zu jammern…
3 Responses to "Das System Thalia"
Sehr guter Artikel, das Problem ist nunmal nicht Thalia oder $Grosskonzern im allgemeinen sondern halt die gesellschaftliche Struktur, unsere vielgelobte Marktwirtschaft, die Unternehmen eben in ihrer Handlugnsweise bestaerkt.
Aber Nischenloesungen wird es wohl auch im Buechermarkt geben, genauso wie sie es auf dem Lebensmittelmarkt gibt. Trotz grosser lebensmittelDiscounter gibt es ja schliesslich auch immer noch den guten alten Wochenmarkt oder Angebote wie die Biokiste.
Genauso wird es auch bei Büchern wohl immer alternativen zu den “Buchsupermaerkten” (treffender Ausdruck btw) geben. Und ich persoenlich finde z.B. vor allem Second Hand Buchlaeden sehr schön und habe dort auch schon den einen oder anderen Einkauf getaetigt.
Was bei Thalia im Regal steht, finde ich auch in jeder Bahnhofsbuchklitsche. Dicke Taschenbuch-Massenware für unter zehn Euro. Einwegliteratur.
Der Versuch, echte Bücher zu kaufen, bleibt im Ansatz stecken. “Tucholsky? Ja, wir haben normalerweise zwei Titel im Bestand, sind aber beide aus. Wenn ich es Ihnen bestelle, ist es in drei Tagen da.”
Amazon liefert in 24 Stunden.
Schöner Artikel. Ich kaufe auch kaum mehr in Buchläden ein, egal ob Thalia oder in einem kleineren. Meist wird bei Amazon oder gebrauchtes in ebendiesem Marketplace oder bei eBay ersteigert. Einmal im Jahr kaufe ich mal was in einem Antiquariat, aber das war es auch schon. Ich stöbere gerne oft in Buchläden, finde aber selten was, was ich wirklich lesen möchte.