Eigentlich hatte ich in den letzten Tagen was anderes machen wollen… eigentlich sollte ich an einem Projekt arbeiten dem ich um Wochen hinterherhinke… eigentlich. Eigentlich wollte ich zu der Flickr-Geschichte Abstand nehmen, abwarten und Tee trinken, wie man so schön sagt. Eigentlich habe ich mir selbst den 10. Juli als entgültigen Entscheidungstermin in Sachen Flickr gesetzt – eigentlich…

Statt dessen habe ich seit Samstag wenig anderes getan als Flickr-Diskussionsforen zu lesen, dort zu kommentieren und Usern zu erklären was vorgefallen ist und warum sich Flickr-Deutschland (oder doch zumindest der denkende Teil davon) so aufregt, Blogs zu lesen, und mich intensiv nach Alternativen umzusehen. Als mich dann gestern eine gute Freundin fragte, was sie nun mit ihrem Flickr-Account machen solle, mich um meine Meinung fragte, wurde mir klar, dass das mit dem 10. Juli theoretisch sehr schön ist und den Flickrites genug Zeit gibt sich zu äußern – aber das die Entscheidung im Inneren längst gefallen ist.
Flickr war für mich seit 2004 eine super Community; mit Flickr habe ich wieder Spaß am Fotografieren gefunden, viele atemberaubend schöne Bilder gesehen, eine Menge über Fotografie und Technik gelernt, wahnsinnig freundliche Menschen kennengelernt, ich habe andere zum Fotografieren animiert, mich ausgetauscht, Spaß gehabt. Flickr war für mich ein zweites Zuhause. Das alles, diese Community, das muss man ganz klar sagen, ist immer noch da, egal ob nun Yahoo! auf dem Etikett steht oder ich mir nackte Körper ansehen darf oder nicht. Aber meine Einstellung zu Flickr hat sich geändert.
Daran ist zum einen – natürlich – die Vorgehensweise von Flickrhoo schuld, die mit ihrer Zensur nicht bloß inhaltlich, sondern vor allem auch kommunikationsmäßig völlig ins Klo gegriffen haben. Nicht nur, dass der deutsche Support Mails so beantwortet, dass deutlich wird dass diejenigen denen es nicht passt ja gern gehen dürfen, die Kommunikation ist generell unter aller Sau, und nach wie vor verstecken sich die Flickr-Macher hinter nebulösem Geschwafel. Das letzte Statement von Stewart Butterfield heute lautete:
A small update: we are still working hard on a resolution and still are in constant cross-Atlantic conversations. We hope to have an announcement within 24 hours that (most) people will be happ(ier) with. Given the time that’s gone by so far, it’s not that much longer: please bear with us.
I wish there was more we could have said during the whole process – it’s quite painful to not be able to be more open. But there are good reasons: sometimes there’s a trade off between talking about it and doing it, and we want to be in a position where we can make it better, not just explain why we couldn’t.
We’re still refreshing this thread very frequently and reading everything people write on the subject. There were certainly things we could have done better, and things we really screwed up,but for those of you who do have some trust in us, let me say that it is not as simple as it looks from the outside.
Das ist jetzt, 13:25 Uhr, genau 2 Stunden alt.
Erneut nur heisse Luft. Erneut keine Entschuldigung, keine Erklärung, nur Gerede darüber wie schmerzhaft doch die Lage für ihn ist und dass ja alles viel komplizierter sei…
Ich will sehr hoffen dass es für ihn schmerzhaft ist! Das ist das mindeste was man erwarten kann, dass es ihm nicht am Allerwertesten vorbei geht – er hat Flickr an Yahoo verkauft – er arbeitet für Yahoo, es ist nur recht und billig dass er für das einsteht, was der Konzern da gemacht hat – wenn er das nicht kann, steht es ihm nämlich genauso frei wie mir, Flickr zu verlassen, nur dass er um mehr als 20 Mio Dollar reicher ist – ich um 40 Euro ärmer…Interessanterweise wird das obige Statement in den Foren so ausgelegt als ob in 24 Stunden alles wieder gut sei. Und ich frage mich wirklich wie man so borniert oder naiv sein kann. Was Butterfield da durchblicken lässt ist, dass es keinen Rollback geben wird. Dass man an etwas strickt, das dem Protest den Wind ein bisschen aus den Segeln nehmen soll. Dass man erneut lieber etwas strickt und den User vor vollendete Tatsachen stellt statt klipp und klar zu kommunizieren was man warum getan hat und tun muss und in Zukunft tun will. Dass man immer noch nicht kapiert hat dass eine öffentliche, lautstarke Entschuldigung das allererste ist was er kommunizieren sollte, nicht wie sehr es ihm oder sonstjemanden doch wehtut…
Auch heute sollte und wollte ich was andres tun als mich mit Flickr zu befassen… aber es hlft alles nichts, solange ich mir das nicht von der Seele schreibe würge ich da mental die nächsten Tage und Wochen dran. Also, raus damit.
Flickr – was mich ankotzt
1. Von der derzeitigen Kommunikationsstrategie von Flickr kann selbst der US-Präsident samt embedded journalism noch was lernen. Ich habe selten in einer Krise so wenig, so verspätetes, so inhaltsleeres PR-Gesülze wie hier gesehen. Dass der deutsche branch von Flickr dann nicht mal in der Lage ist das in flüssiges Deutsch zu übersetzen, kommt hinzu. Bis heute gibt es auf der Startseite kein einziges Statement zu der Thematik, bis heute schweigt sich das hausinterne Blog aus, bis heute steht auf den Seiten zur neuen Sprachversion nicht ein einziges Wort über das Safe-Search-Problem.
Dass man dann noch mit miserablen und falsch lokalisierten Übersetzungen an den Start geht, Hilfe auf deutsch verspricht wo nicht einmal auf Englisch auf dringende Fragen geantwortet wird, Portugiesen zu Brasilianern macht, zeigt, wie unausgegoren das Ganze gelaufen ist. Wenn die rechtlichen Erwägungen mit derselben Sorgfalt vorgenommen worden sind wie die Übersetzungen, braucht man sich über nichts mehr wundern.
2. Angeblich war am Wochenende niemand erreichbar, angeblich war das Wochenende der Grund für die Funkstille… angeblich kann man Aussagen nur in USA zur West Coast Zeit treffen – da fragt man sich dann schon wofür es ein deutsches Büro gibt, oder welchen Stellenwert das Ganze hat, wenn man nicht nach dem ersten Aufschlagen der Proteste seine Anwälte samt und sonders aus dem Wochenende telefoniert und ein Krisensitzung einberufen hat. Zeit, Kommentare zu zensieren und aufmüpfige Nutzer zu blockieren, hatte man immerhin. Wer in aller Welt rumjetten und Launchparties feiern kann, kann anschließend auch den Flieger besteigen und lokal die Scherben aufkehren…
3. In den Foren kann man immer und immer wieder lesen, dass Flickr nicht schuld sei. Schuld sei die böse deutsche Regierung mit ihrer unsäglichen Gesetzgebung, und Flickr tue ja nur wozu sie gezwungen würden – das kursiert in den unterschiedlichsten Varianten, bis hin zur von mir verblogten Verschwörungstheorie über den BND und Schäuble, die uns alle heimlich! zensieren wollen. Bis heute hat Heather Champs, die den Leuten den Floh ins Ohr gesetzt hat, deutsche Yahoo-Mitarbeiter seien von Gefängnis bedroht wenn wir hier nackte Haut sehen könnten, sich zu dieser abstrusen Behauptung nicht weiter geäussert. Dafür schlägt den deutschen Usern eine Welle von Reaktionen entgegen die darauf rauslaufen, dass wir alle pornogeil seien; oder aber doch die armen Amerikaner in Ruhe lassen und stattdessen unser “Regime” absetzen sollten das uns so knebelt. Es gibt zwar eine starke Welle des Protestes aus aller Welt, aber es gibt auch einen ebenso starken und vor allem faktenresistenten Backlash von Leuten, die das ganze Thema einfach nur nervt und die ihre “Flickr Experience” bitte ohne lästige Protestierende genießen möchten – dazu zählen selbst deutsche User, die noch vor 2 Tagen wütend aufbegehrten und sich plötzlich verbitten, dass jemand das schöne saubere tolle Community-Flickr mit nervigem Protestgeschrei und Protestbildchen stört.
4. Ich habe mich erst seit der Flickr-Zensur-Geschichte mit dem Thema Yahoo und China auseinandergesetzt. Redlicherweise kann und will ich keinem Konzern mich und meine Bilder / Daten anvertrauen, dessen Aktionäre Menschenrechte vom Plan streichen und der chinesische Dissidenten mit der Übergabe von Nutzerdaten an China in den Knast befördert. Das ist widerlich, inakzeptabel, und auch meine Yahoo-Mailinglisten werden in nächster Zeit umziehen oder sterben.
Kurzum – für mich ist nicht nur das Vertrauen in die Macher von Flickr, das Unternehmen Flickr dahin. Ich habe mir in den vergangenen 48 Stunden massenhaft dämliche, egoistische, einseitige, rassistische, dumme, bornierte Anfeindungen anhören dürfen dafür dass ich für meine Rechte und die anderer eintrete, dafür dass ich mich in einer Community für etwas einsetze und dabei auch wage, zu kritisieren wie mit mir umgegangen wird.
Es ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas in einer Community passiert… so langsam begreife ich, dass das die andere Seite einer jeden Community ist. In dem Moment wo ich anfange mich dafür wirklich massiv zu engagieren, bin ich am Ende die Gelackmeierte, weil es mir viel mehr bedeutet als vielen anderen, die einfach nur wegsehen, weghören, weitermachen wie bisher, oder denen – das steht ihnen frei – nur ihr eigener Fun, nicht aber das große Ganze wichtig ist.
Ich lerne manche Lektionen nur schwer. Diese hier lautet, sich nicht zu sehr an eine Community zu binden, sich davon nicht zu abhängig zu machen. Keine Emotionen zu investieren. Und nach den Reaktionen der letzten Tage ist es um so manchen Kontakt vielleicht auch gar nicht schade…
Mittlerweile sieht es so aus als ob ein Teil der deutschen Blogwelt und auch ein Teil meiner Flickr-Contacts und -community sich zu anderen Orten abwendet – eine grosse Gruppe favorisiert derzeit Ipernity, eine kleine Gruppe Zooomr, und ein paar Leute 23hq. Es wird dazu führen, dass man nicht alle im Auge behalten kann, wenn sich die Lage sortiert und jeder den Dienst seines Vertrauens gefunden hat. Für mich zeichnet sich ab, dass die Kontakte, die mir qualitativ wichtiger sind, bei 23hq.com verbleiben, und dass der recht große Troß an Emigranten zu Ipernity für mich weniger wichtig ist.
So wird es vermutlich langfristig darauf hinauslaufen, dass meine Bilderheimat in Zukunft 23hq ist, ein kleines feines dänisches Unternehmen mit vier sehr netten und kompetenten Entwicklern, die Herzblut in die Sache stecken, ohne sich wie etwa die Macher von Ipernity bei Flickr den Usern anzubiedern – und hier sehe ich auch eine Chance für mich: mir neue, handverlesene Kontakte zu erschließen, ein Netzwerk und dessen Gemeinschaft langsam mitaufzubauen (ich mag den pace von 23 gegenüber der starken Aktivität von Ipernity), und generell meine eigenen Prioritäten mal wieder neu zu sortieren.
Und jetzt kann ich mich endlich wieder anderen Dingen widmen
– Was dann Flickr in 24 Stunden zu sagen haben wird, interessiert mich nicht mehr wirklich….